Gina Greifenstein:

Kerscheplotzer

* * * * *

Erschienen April 2021

Verlag Emons

300 Seiten

ISBN 9783740811211

Schöner Krimi aus der Pfalz,
Wohlfühlspannung mit Baby

Noch ein Tipp:

Pfälzer Küche ohne Bludwoschd? Alla nä!
Gina Greifenstein bricht mit Herbert Michel eine Lanze für eine fälschlich oft verschmähte Delikatesse!

Ich habe ja schon Spectaculum von Gina Greifenstein vorgestellt, in der die Kommissarin Paula Stern in der Pfalz ankommt.
Im siebten Band der Krimireihe kommt nun Lotta in Landau an. Paula Stern ist hochschwanger und inzwischen mit einem Kollegen liiert. Ausgerechnet beim titelgebenden süßen Auflauf der Schwiegermama, im Beisein aller werdenden Großeltern setzen massiv die Wehen ein. Rasch geht es ins St. Vinzenz, einer Klinik in Landau und bald darauf hat Paula ein kleines Mädchen geboren. Das Kind stresst unsere toughe Ermittlerin weniger als die Großeltern, die alles besser wissen und ebenso fröhlich wie ungefragt jede Entscheidung der jungen Mama kritisieren. Die nämlich will nicht stillen und nach Möglichkeit weiterarbeiten. (Das lässt uns nebenbei auf die Fortsetzung der Reihe hoffen.)

Im Krankenhaus treffen Paula und Matthias, der Papa, unvermutet auf Flo, seinen Freund aus Jugendtagen. Die Freundschaft endete vor einer kleinen Ewigkeit in bitterem Streit, nachdem Flo Matthias eine Freundin ausgespannt hatte. Danach verlor man sich aus den Augen. Flo wurde ein Fitnesstrainer der Schönen und Reichen in Florida, ist aber seit einem Jahr wieder im Lande und hat ein paar Orte weiter eine Muckibude eröffnet. Das Wiedersehen ist kurz und friedlich, auch wenn Matthias recht reserviert reagiert. Als Paula später am Abend von Flo auf dem Zimmer besucht wird – ihm ist am Abend vor seiner Knie-OP ein wenig langweilig – lernt sie ihn als charmanten Mann kennen, aber allzu anziehend findet sie ihn nicht. Aber unsympathisch ist er auch nicht. Am nächsten Tag will sie ihm nach einem Besuch im Klinik-Café einen kurzen Gegenbesuch abstatten und landet im Aufwachraum. Sie erfährt, dass der Patient die OP gut überstanden hat, kurz wach war und nicht mehr am Monitor hängt. Im Moment schlummert er, er soll ja auch Zeit haben, um wach … Und dann wird es plötzlich hektisch um das Bett des Fitnesstrainers … Herzmassage, Defibrillator … die Anästhesistin und der orthopädische Chefarzt bemühen sich aufs Heftigste um dem Mann … aber er ist nicht wiederzubeleben.

Es spricht zwar kein harter Beweis für ein Verbrechen, doch die Umstände findet Paula reichlich mysteriös. Ihr Instinkt lässt die Alarmglocken schellen und sie beginnt sofort herumzuschnüffeln. Das darf sie nicht. Sie kann sich noch nicht einmal als Kriminalbeamtin ausweisen. Doch als der nette Kollege Keeser sie besucht, „leiht“ sie sich einfach dessen Ausweis und beginnt im Trüben zu stochern. Viel findet sie nicht heraus. Die Schwester weiss nicht viel, die Anästhesistin meint, dass auch bei gut verlaufenen OPs manchmal danach plötzliche Todesfälle vorkommen und der Chefarzt lässt sie aalglatt abblitzen. Ohne handfeste Hinweise auf ein Verbrechen ist aber weder die nette Staatsanwältin noch Kollege Keeser bereit, Ermittlungen aufzunehmen. Was also bleibt Paula da? Die Leiche! Die zumindest will sie in Augenschein nehmen und begibt sie sich, als alle Besucher des Abends gegangen sind in die kühlen Keller, wo die Leichen verwahrt werden.
Hier beginnt mit Auftreten von "Tobi, der Kellerassel", das Highlight des Buches. Dieser Student schiebt hier gemütliche Nachtwachen und ist eine herrlich schräge Figur, witzig, intelligent, aber auch lausbubenhaft neugierig und begeisterungsfähig. Ein echter Schatz, von dem man mehr lesen will. Die beiden finden Hinweise auf einen Erstickungstod – möglicherweise künstlich herbeigeführt. Endlich wird der Todesfall zu einem Kriminalfall. Als nun in einer Nacht- und Nebel-Aktion die Leiche ungewöhnlich rasch in ein Krematorium überführt werden soll, um tags darauf eingeäschert zu werden, gelingt es Paula mit Tobi, die Rechtsmedizin zu verständigen und zu einem "Hausbesuch" im nächtlichen Klinikkeller zu überreden. Als am morgen als erstes die Leiche überführt werden soll, gelingt es Tobi die Leiche und auch deren Bett als Beweismaterial zu sicher, auch wenn noch kein richterlicher Beschluss vorliegt. Ab hier übernimmt dann die Kripo den Fall. Zumindest offiziell, denn Paula kann das inoffizielle Ermitteln natürlich nicht lassen und am Ende ist sie es, die den Fall löst.
Wie schon im Auftakt der Reihe ist die Geschichte schön und in sehr angenehm zu lesender Sprache eingefangen. Der pfälzische Dialekt ist selten, aber sorgt für ausreichendes Lokalkolorit. Nur in  diesen Szenen und an den den erwähnten Schauplätzen kann man Geschichte in der Pfalz verorten. Die spielt nämlich überwiegend zuhause oder im Krankenhaus. So ist es eher ein Krimi aus der Pfalz als ein pfälzischer Lokalkrimi. Das ist dem Plot geschuldet und kann der Geschichte kaum vorgeworfen werden. Ein paar Kleinigkeiten sind auch sachlich nicht ganz richtig. Auch hier erkenne ich, dass dieses Verbiegen der Wirklichkeit den Notwendigkeiten der Geschichten geschuldet ist. Natürlich es es wünschenswert, dass Geschichten wirklichkeitsgetreu und spannend zugleich erzählt werden. Doch wenn sich ein Autor bei Kleinigkeiten für die Spannung und gegen absolute Realitätstreue entscheidet, habe ich Verständnis. Ich gehe ja in den selben Schuhen.

Was ich eher schade fand, war, dass aufmerksamer Leser den Mörder schon recht früh identifizieren konnten. Es ist eine Figur, die ein wenig detaillierter beschrieben wurde, als es die Szene erforderte.

Das Schreiben von Krimis hat auch immer ein wenig von einem Zaubertrick. Man zeigt etwas, versteckt es dann und lenkt zugleich die Aufmerksamkeit des Zuschauers wieder auf etwas ganz anderes, damit er nicht mitbekommt, dass der Magier den Elefanten heimlich in die Jackentasche steckt. Das heimliche Verbergen nennt man „Palmieren“. Und ganz ähnlich muss auch oft ein Autor arbeiten. Er lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine Figur, damit er sie kennenlernt und gleichzeitig lenkt er sein Interesse wieder ab, versteckt diese Info unter einer Fülle anderer Eindrücke wieder. Wo versteckt man am einfachsten einen Apfel? Im Obstkorb. Wo am besten eine Figur? In einer Szene, in der mehrere Figuren beschrieben werden. Dies ist an dieser recht wichtigen Stelle Frau Greifenstein nicht ganz so gut gelungen. Zumindest ich wusste sofort, woran ich war.

Ist das ein Schnitzer? Nur weil ich dieses Problem anders gelöst hätte und meine Lösung vielleicht besser finde, kann ich das dem Buch kaum allzu sehr vorwerfen. Es ist zwar ein kleiner Mangel, aber – es ist nicht mein Buch. Und der hinreißende Tobi sowie einige andere sehr schön getroffene Figuren werfen ihr ganzes Gewicht in die andere Waagschale.

Was mir auch noch angenehm auffiel, war die Tatsache, dass die Kulinarik weniger Raum im Buch hatte als bei Spectaculum. Ausufernde Schlemmerei ließ der Plot nicht zu. Auch wenn ich Saumagen und Co sehr mag, begrüße ich diesen Rückbau, weil es die Geschichte nicht nötig hat, sich damit künstlich aufzuwerten. Nett aber ist, dass die im Buch erwähnten Lokale im Anhang noch einmal aufgeführt wurden.

"Pfalz Krimi" steht auf dem Umschlag. Pfalz ist drin. Guter Krimi ist drin, viel guter Lesespaß dazu. Ein Ensemble sympathischer und markanter Figuren rund um die unbremsbare Kommissarin und ein süßer Wonneproppen – Lotta Stern –obendrein. Die Serie dieser Wohlfühlkrimis ist gut weitergeführt worden. Gerne gebe ich meine Leseempfehlung.

Zum Schluss noch der Link auf die tolle Website von meiner Kollegin.

12.3.2021

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