P: Howard (Jenő Rejtő)

Ein Seemann hieß Marita

* **

Erschienen 1943, auf Deutsch 2020

Elfenbein-Verlag

160 Seiten

978 3 96160036 6

 

tolldreiste Seemannposse voll überschäumendem Witz

Noch ein Tipp:

Der geniale Anfang dieses Buches war meinem Vater ins Gedächtnis geprägt.

Mit dem verlinkten Blick ins Buch kann man den Beginn des Buches nachlesen.

Es gibt Bücher, auf die man sich in besonderer Weise freut. Bei mir zum Beispiel, weil zwei meiner ungarischen Onkel knapp halbmeterlange, wohlgehütete Taschenbuchausgaben dieses Autors im Regal hatten. Nicht in Augenhöhe der Besucher, sondern etwas tiefer, aber in guter Griffweite vom Bett aus, was auch ein Qualitätsmerkmal für Bücher sein kann. Oder, weil ich als Heranwachsender zwei Taschenbücher dieses Autors geschenkt bekam und daraufhin „den Blonden Hurrikan“ und später „das vierzehnkarätige Auto“ mit größtem Genuss verschlang. Danach liefen mir leider jahrelang keine neuen Übersetzungen über den Weg. So waren Freude und Erwartung gleichermaßen groß, als ich das Leseexemplar empfing.

P. Howard oder Jenő Rejtő, wenn wir sein Pseudonym auflösen … Bei uns ist er bestenfalls ein Geheimtipp, in Ungarn aber Kult! Ein Autor, der vor allem in den dreißiger Jahren in Budapest schrieb. Er konnte die Traditionen von Groschenroman und Screwballkömödie mit anarchischer Situationskomik und geistreichen Wortwitzes vereinen. Heraus kam eine köstliche und temporeiche Melange ganz eigener Machart, weit mehr als Summe der Bestandteile: eine höchst unterhaltsame Wortkunst, auch noch nach fast einhundert Jahren.

Was ich immer bewunderte, waren die Anfänge seiner Bücher. Inzwischen kenne ich deren vier auf deutsch, einen auf Englisch und einen in der auswendigen Wiedergabe durch meinen Vater, der die Bücher jahrzehntelang nicht lesen konnte, sie aber dennoch korrekt zitierte. Das konnte ich inzwischen überprüfen. Auf Ungarisch konnte ich noch keines seiner Bücher lesen oder auch nur beginnen. Noch ist mein Ungarisch leider längst nicht gut genug für diesen Wortschmied, wenn es das denn je sein wird.

Man sagt, mit den ersten Sätzen müsse ein Autor die Leser packen und P. Howard beherrschte das wie keiner sonst. In der ersten Seite legt er immer wieder mit Drastik, Witz und völlig absurden Situationen die Angel aus und kaum ein Leser kann wieder stehen.

So ist es auch bei „ein Seemann hieß Marita“. Der Anfang ist absurd und köstlich witzig. Leider ist danach irgendwie der Faden gerissen. Wo bei seinen anderen Büchern, soweit ich sie selbst kenne, eine wilde Geschichte beginnt, die man atemlos verfolgt, wird dem Leser hier eine längere und schwierige Anbahnung des Auftrages präsentiert, bis der Held der Geschichte, der unverwüstliche Seemann Jimmy Reeperbahn, sich endlich den lukrativen Auftrag sichern kann. Er soll das verschollene Schiff Radzeer finden, das jenseits der Marquesas nicht mehr funkte und nirgendwo in einen Hafen einlief.

Endlich auf See nimmt die Geschichte dann doch Fahrt auf und sobald man die Insel erreicht, auf die vermisste Radzeer gestrandet ist, wird es sogar sehr turbulent und wendungsreich.

Die Helden der Geschichten sind allesamt Gauner. Will man weniger freundlich sein, sind es hemmungslose Trinker, Raufbolde, Opportunisten und Schurken, doch dabei sind sie – auch das ist Quell vieler Gags – immer höflich. Oft liefert die mangelhafte Bildung der Helden ihnen nicht die genau passenden, imposanten Fremdworte, doch es gibt genügend ähnlich klingende Ausdrücke, die man unbekümmert benutzt. Erst dann, nach Wortgefechten, greift man  zu Ohrfeigen, die gestandene Männer auf die Planken schicken oder Schotttüren aus den Angeln reißen. In den verbalen Duellen zeigt sich immer wieder ein spezifischer Witz, der Pester Kaffeehaushumor,den man auf Englisch „sophisticatet“ nennen würde. Er ist uns Deutschen beinahe nur durch Ephraim Kishon vertraut. Jenő Rejtő setzt aber erfolgreich auf noch weit größeren Kontrast zwischen Wort und Situation.

Trotz allem konnte mich Marita nicht voll überzeugen. Ich will dem Autor nichts vorwerfen. Das Buch erschien 1943. Jenő Rejtő starb am 1.1. dieses Jahres in einem Arbeitslager, von den Faschisten verschleppt. Ich vermute, er konnte das Buch nicht wirklich vollenden. Die schwache Struktur des Buches, die hinter seinem erzählerischen Können, das ich bisher erlesen konnte, zurückblieb, deuten darauf hin. Auch die Übersetzung fand ich in einem wichtigen Punkt wenig überzeugend. Ich habe mich bei Rejtő-Kennern erkundigt, was nicht schwer ist, denn fast jeder Ungar, der ein Bücherbord hat, ist einer. Ich fand bestätigt, was ich schon vermutete: Die Andichtung des stark an Berlinerische erinnernde Idioms, in dem sich Jimmy Reeperbahn ausdrückt, hat im Original kein Pendent. Es gibt im kleinen Ungarn keine so differenzierten Mundarten, und die Sprache von Fülig Jimmi, wie Jimmy Reeperbahn in Ungarn heißt, ist eben kein magyarisches Filserdeutsch sondern eine ganz eigene, unikate Spreche, so wie die bei Tucholski in „Rheinsberg“ oder bei Umberto Ecos unglücklichem Mönch Salvatore. Das mit Hinterhof- und Gassenbrandenburgisch wiederzugeben, ist mehr als unglücklich und unverständlich, da der selbe Übersetzer es zuvor schon wesentlich besser gelöst hat – in „Ein Seemann von Welt“.

Was bleibt? Ein immer noch geistreicher und witziger Roman, der in einigen albtraumhaft surrealen Inselbeschreibungen zeigt, wie bedrückend die Lebenssituation für den Autor gewesen sein muss. Ein Roman, in dem die von der Gesellschaft Verstoßenen die eigentlichen Helden sind, unverwüstliche Optimisten und Stehaufmännchen, die man beuteln und stoßen mag, und die dennoch weiterkämpfen für ihre Krümel vom Kuchen. Sie beißen sich durch und halten die Fahne der Kultiviertheit hoch, auch wenn ihr Kulturbegriff manchmal etwas unscharf ist.

Nein. Ich bin nicht enttäuscht von dem Buch. Es ist zwar sicher nicht das schönste und gelungenste der Bücher von Jenő Rejtő und blieb wohl hinter meiner Erwartung zurück. Doch in Zeiten von Krieg und antisemitischer Verfolgung ist das Buch wohl ein Opfer der Umstände. Das kann ich einem großen Autor nachsehen.

12.3.2021

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