Umberto Eco

Der Name der Rose

* * * * *

Erschienen 1980, deutsch 1982

Hanserverlag

662 Seiten
ISBN 9783446253803

pralles Panoptikum der spätmittelalterlichen Geisteswelt

Noch ein Tipp:

Ganz anders und doch nicht unähnlich. Auch hier geht es um geistigen Umbruch. Den der Wende von der Spätantike zum Mittelalter.

Dieses Buch war bei seinem Erscheinen der absolute Bestseller. Als man bald darauf Untersuchungen anstellte, wer denn das Buch wirklich zur Gänze gelesen hat, fand man Erstaunliches heraus: Die meisten Leser folgten der Geschichte aufmerksam bis zur großen Sexszene und verfolgten von da an, eilig die Seiten überschlagend die Geschichte der toten Mönche im Kloster nur mehr sehr sporadisch. Es ist eines der Bücher, die jeder meinte, haben zu müssen, die aber nur rund 10% ernsthaft gelesen hatten. Ich muss mein Exemplar nun ersetzen, denn ich habe es so oft gelesen, dass es inzwischen seine Seiten großzügig verteilt.

Die Geschichte ist inzwischen bekannt. In Italien, das ausgehende Mittelalter soll ein diskretes Treffen in einem Kloster stattfinden, bei dem über die Armut Christi diskutiert werden soll. Da die Kirche der Leib Christi ist, ist die Frage politisch brisant. Wie steht die Kirche zum Besitz. Ausgerechnet dieses Kloster wird durch seltsame Todesfälle unter den Brüdern beunruhigt – just bevor das Treffen stattfindet. Zwei Gäste des Klosters, der überaus scharfsinnige Franziskanerpater William von Baskerville und sein getreuer Novize Adson von Melk sollen die Untaten aufklären. Alles scheint sich um die geheimnisvolle Bibliothek des Klosters zu drehen. Die ist allen Mönchen bis auf den Bibliothekar und seinen Gehilfen verboten. Wissen ist Macht und hier ganz besonders.

In rascher Folge sterben immer neue Mönche an den merkwürdigsten Orten und unter Umständen, die schon bald als Zeichen der Apokalypse gedeutet werden. Kommt der Antichrist? William vermutet eher einen menschlichen Täter.

Das Buch nutzt geschickt die Tradition des Kriminalromans, um dem Leser in die wundersame Welt des mittelalterlichen Denkens mitzunehmen, wo oft ganz andere Fragen im Fokus standen und die Kirche noch das Denken bestimmte. Dem steht ein neues Denken gegenüber, das die Freiheit des Geistes kennt und die Grenzen der Dogmen überwinden will.

Es ist ein Buch über Bücher – direkt und auch indirekt. William ist in Erscheinung und Methodik Sherlock Holmes so ähnlich, dass der Name „von Baskerville“ kaum Zufall sein kann. Wenn er seinen Adlatus mit „mein lieber Adson“ anspricht, klingt nicht nur in meinen inneren Ohren ein leises „W“ im Anlaut mit. Dass seitenweise lateinische Texte zitiert werden, einander gegenübergestellt werden, zeigt was Umberto Eco dabei kunstvoll konstruiert: Ein Mosaik des spätmittelalterlichen Denkens, gebildet aus Textstücken. Wo die wunderbar Verfilmung weitgehend mit starken Bildern und Gesichtern arbeiten muss, sind es hier Zitate und auch so entsteht ein buntes, vielfältiges Bild der Zeit.

Doch auch die Figuren sind wunderbar durchgezeichnet, lebendig und klar stehen dem Leser vor Augen. Gerade weil jede Figur weit mehr ist als nur ein Abziehbild und ganz eigene Interessen verfolgt, wird das Kloster zu einem Panoptikneum der spätmittelalterlichen Geistlichkeit mit allen Tugenden und Lastern.

Die Sprache ist zum Teil ausufernd und üppig. Es ist der alte Adson, der das Abenteuer seiner Jugend schildert. Dieser auktoriale Icherzähler changiert, ist bald ganz dicht am Geschehen, erlebt es frisch und neu noch einmal, um sich dann wieder zurückzuziehen in die Gegenwart eines alten, vom Leben enttäuschten Mannes. Man braucht ein wenig Geduld, denn dieser Erzähler nimmt sich auch Zeit für ausführliche Exkurse. Wenn man sich aber auf sie einlässt, hat man einen angenehmen Führer durch dieses Spiegelkabinett des mittelalterlichen Denkens, in dem es so sehr auf die Perspektive abkommt.

Das Buch endet nicht mit einem Happy-End. Alles endet im Chaos. Das Treffen scheitert. Die Todesfälle werden zwar aufgeklärt, dennoch richtet man Unschuldige hin und die Bibliothek geht in Flammen auf. Nichts bleibt … das bleibt die fundamentale Erkenntnis des alten Erzählers.

Das Werk ist ein Gesamtkunstwerk. Schon das komplizierte Vorwort macht dem Leser klar, dass dieses Buch nicht einfach nur eine Geschichte erzählen will. Es ist eine Geschichte, die ihrerseits Geschichten erzählt - Geschichten über Bücher und deren Geschichte ... Es ist ein komplexes und intelligentes Spiel mit Sprache und Literatur, ein vergnügtes Jonglieren mit Werken und ihren Inhalten auf höchstem Niveau. Nebenbei ist es auch noch eine großartige Huldigung an Sherlock Holmes, den unverwüstlichen Detektiv aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle.

Dass aus all diesen Versatzstücken dennoch ein Roman wird, eine Geschichte und nicht ein Konglomerat von Geschichten, ist eine großartige Leistung des Autors und macht das Buch zu Recht zu einem herausragenden Werk.

20.2.2021

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